Ausbildung

So halten Unternehmer ihre Lehrlinge bei der Stange

NEUER KOMMENTAR
Beitrag teilen

Das Ausbildungsjahr hat begonnen. Viele Unternehmer sind glücklich, überhaupt einen Lehrling zu haben. Dabei geht die Arbeit für den Chef jetzt erst los: Jetzt zählt die Kunst, den Auszubildenden zu halten.

Das größte Problem für Unternehmen auf dem Ausbildungsmarkt ist derzeit der Mangel: Jeder dritte angebotene Ausbildungsplatz bleibt im Schnitt unbesetzt, jeder zehnte Betrieb bekommt keine einzige Bewerbung, ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Doch nicht nur, dass die jungen Leute ganze Branchen oder Tätigkeiten nicht auf dem Schirm haben, wie hier bereits zu lesen war – jedes vierte Ausbildungsverhältnis endet vorzeitig, 24,9 Prozent laut einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). In manchen Fällen kann so eine Vertragsauflösung sogar sinnvoll sein, oft aber ist sie nicht die beste Lösung für beide Seiten. Und hier nun die gute Nachricht: Viele Ausbildungsabbrüche lassen sich vermeiden – und der Unternehmer hat es weitgehend selbst in der Hand, ob das Ausbildungsverhältnis gelingt. Das sollten Sie zu diesem Thema wissen:

Viele Azubis brechen ab – aus verschiedenen Gründen

Die Zahl der Ausbildungsabbrüche liegt laut Berufsbildungsbericht 2017 derzeit besonders hoch: im oberen Bereich der Schwankungsbreite seit den 1990er Jahren – also um genau zu sein: 24,9 Prozent im Jahr 2015. Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt ist aus Unternehmersicht nicht nur ungünstig, um genug geeignete Bewerber für einen Ausbildungsplatz zu finden. Sie spricht auch mit Blick auf einen möglichen Ausbildungsabbruch gegen Unternehmer – Jugendliche haben mehr Auswahl an Ausbildungsplätzen und sind deshalb auch eher bereit, den Ausbildungsvertrag zu lösen und in ein anderes Ausbildungsverhältnis zu wechseln, stellen die Studienautoren vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) fest.

Ausbildungsabbruch, Azubi, Kommunikation, Lehrling, Mitarbeiter

Ausbilder müssen sich ihrer Verantwortung mehr stellen

Natürlich kann ein Ausbildungsabbruch sinnvoll sein, auch für den Betrieb: Etwa, wenn sich herausstellt, dass Beruf und Lehrling wider Erwarten partout nicht zusammenpassen. Doch die Ergebnisse der Studien sollten Unternehmer zum Anlass nehmen, auch über sich selbst nachzudenken. In mehr als der Hälfte der Fälle lösen die Azubis den Vertrag – meist noch in der Probezeit, ergab eine Studie der Universität Bremen im Auftrag der IHK Osnabrück-Emsland unter 159 Jugendlichen und 209 Ausbildern. Die von Unternehmern und Jugendlichen hierfür genannten Gründe gehen dabei stark auseinander. So schilderten viele in der Studie anonym befragten Jugendlichen teils recht emotional diverse betriebliche Gründe für ihren Ausbildungsabbruch. Oft spielten Konflikte eine Rolle, die die Jugendlichen sehr belastet hatten. Die Ausbilder sahen „Probleme zwischen Ausbilder und Auszubildenden“ dagegen eher am Rande als Ursache für den Ausbildungsabbruch: acht Prozent maßen diesem Faktor ausschlaggebende Bedeutung zu. Während 40 Prozent der befragten Jugendlichen Konflikte mit dem Chef als betriebsbezogenen Grund für den Ausbildungsabbruch angaben, sahen die befragten Lehrherren die Ursache in unangemessenem Verhalten und der unzureichenden Eignung der Auszubildenden. Hier ist also offensichtlich Spielraum für eine mögliche Annäherung, die sicher in beiderseitigem Interesse wäre. Eine Studie der IHK Osnabrück ergab vor ein paar Jahren klar: Es lassen sich mehr Ausbildungsverhältnisse retten, als oft gedacht. Und das ist durchaus Aufwand wert.

Ausbildungsabbruch, Lehrling, Azubi, Mitarbeiter, Kommunikation

Diese Dinge machen Azubis glücklich

Natürlich kommt es bei der Zufriedenheit der Jugendlichen mit der Ausbildung zunächst auf harte Faktoren wie Ausbildungsvergütung und spätere Chancen im Beruf an, so eine BiBB-Studie. Dass sich eine Ausbildung als falsch erweist, lässt sich schon vor Beginn der eigentlichen Ausbildung über vorherige Ferienjobeinsätze oder Praktika herausfinden – und so die Wahrscheinlichkeit für diesen möglichen Abbruchgrund minimieren. Das BiBB schlägt denn auch einige Maßnahmen insbesondere für die Auswahl der Bewerber sowie die Verbesserung der Ausbildungsqualität und die Kompetenz der Ausbilder vor. Hoch im Kurs steht bei den Jugendlichen aber neben Einkommen und Übernahmechancen vor allem ein positives Betriebsklima.

Ausbildungsabbruch, Lehrling, Azubi, Mitarbeiter, Kommunikation

Unternehmer sollten mehr mit ihren Lehrlingen reden

Worum es dann aber nach Beginn der Ausbildung in erster Linie geht, um den womöglich mühsam gewonnenen Azubi dann auch zu halten, darauf verweist der Titel einer Studie von Göttinger Soziologen zum Ausbildungsabbruch: „Reden ist Gold“. Glasermeister Sven Sterz traf in seinem vor einigen Monaten virenartig in sozialen Medien geteilten Video für die Bewerbersuche genau den Punkt, als er dem damals verzweifelt gesuchten angehenden Bewerber versprach: „Ich bin immer für dich da.“ Darum geht’s.

Kommunikation – bei guter Pflege klappt die Ausbildung

Da sein, loben, reden – was der Mitarbeiterzufriedenheit und dem Betriebsklima ganz generell zuträglich ist, gilt für die meist noch recht jungen Azubis verstärkt. Für sie müssen Unternehmer mehr Sorge tragen, als für erfahrene, gestandene Mitarbeiter – nicht nur was die Ausbildungsinhalte betrifft, sondern auch mit Blick auf ein möglichst stressarmes Umfeld. Die Kunst besteht für einen Unternehmer darin, sich zu kümmern und zugleich Verantwortung zu übertragen. Sicher nicht zufällig ist das eines der Kennzeichen so genannter Hidden Champions, also der zahlreichen Markt- und Weltmarktführer aus dem Mittelstand.

Alle Infos auf einen Blick – die Willkommensmappe

Halten wir fest: Jugendliche haben an ihrem ersten Ausbildungstag keine nennenswerte Berufserfahrung, kennen das Unternehmen gar nicht oder bestenfalls aus kürzeren Ferienjobeinsätzen und haben nicht selten noch ganz andere Dinge im Kopf. Sich gut um den neuen Azubi zu kümmern, das fängt also am besten schon mit einer umfassenden Orientierung an. Firmenchefs erleichtern ihren Azubis den Start und sich das Leben, wenn sie den Neulingen ein paar Informationen ruhig buchstäblich in die Hand geben, statt sie bloß zu Beginn vorzutragen oder im Vorbeilaufen einzustreuen. Dafür bietet sich etwa eine Willkommensmappe an. Sie sollte im Grunde konzipiert sein wie eine Pressemappe oder der Inhalt einer guten Unternehmens-Website: Dazu gehören

  • allgemeine und Hintergrundinformationen zur Geschichte des Betriebs sowie dessen Produktpalette oder Dienstleistungen
  • sofern vorhanden, die unternehmerische Mission oder ethische und sonstige Leitlinien sowie Unternehmensregeln oder Hausordnung
  • Informationen zu Bonussystemen oder besonderen Sozialleistungen, etwa Unterstützung bei der Wohnungssuche
  • Hinweise auf spätere Weiterentwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten
  • Details zum Inhalt der Lehre in Form eines Ausbildungsplans: Wann durchläuft der Jugendliche welche Stationen, mit welchen Themen wird er sich beschäftigen?
  • Organisatorisch sinnvoll ist für beide Seiten auch eine Liste mit Kontaktdaten der Ansprechpartner im Betrieb für diverse Fälle des Arbeitslebens, wie etwa eine Krankmeldung. In kleinen Unternehmen reicht vielleicht die an den Ausbildungsplan und den Firmensteckbrief geheftete Visitenkarte des Chefs.

Stets jemanden zur Seite – der Mentor

Informationen zum Nachlesen sind das Eine. Gut ist auch, dem neuen Auszubildenden einen Mentor zur Seite zu stellen. Das kann ein Mitarbeiter oder Meister sein. Wer viel ausbildet, kann auch einen Azubi im dritten Lehrjahr zum Mentor machen. Zudem bietet sich eine firmenübergreifende Kooperation mit anderen Betrieben an – immerhin geht es auch um allgemeine Fähigkeiten und Orientierung, die dem Nachwuchs vermittelt werden sollen. Ziele können die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen, das Kennenlernen und Einsetzen der eigenen Stärken, das Stecken und Erreichen von Zielen oder das Arbeiten in Teams sein – ganz grundlegend sinnvolle Fähigkeiten für einen jungen Menschen, der in den Beruf eintritt.

Erfahrene Auszubildende sind gute Mentoren für Neulinge

Umgekehrt können auch Azubis prima Mentoren abgeben, wenn es der Unternehmer fertigbringt, ihre besonderen Talente und Fähigkeiten seinem Betrieb zunutze zu machen, etwa im Bereich der IT. Auf jeden Fall sollten Azubis möglichst schnell eigenständig Verantwortung übernehmen dürften – in eigenen und nicht nur zum Spaß aufgesetzten Projekten. Das ist nicht nur motivierend, sondern erhöht auch die Bindung an den Ausbildungsbetrieb. Unternehmer, die Bedarf an Mitarbeitern mit speziellen Interessen haben, sollten ruhig versuchen, für diese mit besonderen Angeboten besonders cool zu werden – falls sie es nicht bereits sind.

Und eine Prise Witz darf es gern auch sein

Gerade bei Azubis dürfen Unternehmer gern auch ihren Witz zur Geltung kommen lassen. So kürt der Schindlerhof neben dem Azubi des Monats beispielsweise auch den Fehler des Monats. Der Weg zum Gesellen – wenn nicht gar Meister – ist bereits ausreichend mit Steinen gepflastert: für den Azubi wie den Ausbilder. Das veranschaulicht der in asiatischer Kampfkunstfilmmanier gehaltene Kurz-Streifen „Der Weg des Meisters“ höchst unterhaltsam.

Hier finden Sie einen Berater