Reverse Mentoring

So lernen Unternehmer IT von jungen Mitarbeitern

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Wer IT-Themen systematisch in die Hände jüngerer Mitarbeiter legt, beschleunigt die Digitalisierung seines Unternehmens und lernt vieles quasi nebenher. Das hilft auch, ein noch besserer Chef zu werden.

Das gab es in der gefühlten Steinzeit des Internets um die Jahrtausendwende wirklich: Der Chef lässt an ihn adressierte E-Mails von seiner Sekretärin ausdrucken, liest auf Papier und diktiert die Antwort. Heute kaum noch vorstellbar, wo doch selbst kleinste Betriebe quer durch alle Branchen wie selbstverständlich auf Digitalisierung setzen. Bauunternehmer überwachen Baustellen per Drohne, Händler verwalten Daten in der Cloud, Gastronomen holen sich einen Überblick über Allergene per App, Handwerker managen Dienstpläne mit den kleinen Helferlein für Smartphone und Tablet – jeder dritte Mittelständler nutzt Apps im Betrieb. Sogar Big Data ist bereits in Schreinereien zu finden, und ein Sattlermeister passt Produkte mithilfe eines digitalen Rückenabbilders exakt den individuellen Formen des Tieres an.

Ältere Mitarbeiter und fehlende Zeit behindern Digitalisierung

Neue Technologien stellen natürlich vor allem ältere Menschen vor Herausforderungen. Manch einer lässt sich die Finessen seines Smartphones vom Enkel erklären und einrichten. Dabei ist für viele Unternehmer und ihre Mitarbeiter aber weniger das Alter entscheidend, als ein ganz anderer Punkt der Digitalisierung: In der Regel müssen die nützlichen neuen Technologien quasi nebenher im laufenden Betrieb gemanagt werden. Und das bekommen mit Bravour oder wenigstens einer gewissen Lässigkeit in der Regel nur Begeisterte hin. Oder eben Mitarbeiter, die gar nichts anderes kennen, weil sie mit der Technik aufgewachsen sind: Generation X, Y, Z und wie die ganz Jungen alle heißen.

Mit Reverse Coaching auf dem Weg zum Digital Leader

Von diesen Jungen können Chefs und Mitarbeiter viel über IT lernen. Wer klug ist, hat das längst erkannt. Manche Unternehmer lassen zu IT-Schulungen nur noch Azubis antreten, die anschließend als geduldige und zudem weniger teure Multiplikatoren im Betrieb eingesetzt werden, wo sie Kollegen und Vorgesetzten beim Einsatz der neuen Technologien im Alltag unter die Arme greifen. Reverse Mentoring oder auch Reverse Coaching nennt sich dieser Ansatz, über den „handwerk magazin“ berichtet. Die Idee: So wie jungen Hüpfern der Start ins Berufsleben mit einem älteren Mitarbeiter als Mentor an der Seite erleichtert wird, können umgekehrt (= reverse) die Jungen den Älteren beim Einstieg in die Digitalisierung helfen. Neues IT-Wissen eignen sich langjährige Mitarbeiter so quasi nebenbei im Tagesgeschäft an, während sie den jungen „Digital Natives“ die übliche Fach- und Branchenkenntnis vermitteln. Das senkt bei den Älteren die Hemmschwelle zur Beschäftigung mit neuen Themen. Den Jungen wiederum hilft die ihnen übertragene Anerkennung und Verantwortung. Zudem lernen sie beim Coachen viel über betriebliche Abläufe.

Auch Werkstudenten oder Praktikanten können helfen

Für das „manager magazin“ zählt Reverse Coaching zu den Top Drei der Maßnahmen auf dem Weg zum Digital Leader – egal, ob durch junge ITler, Seiteneinsteiger aus Startups oder die eigenen Kinder und Enkel. Firmenchefs könnten sogar überlegen, dafür Schüler aus dem Gymnasium nebenan einzusetzen. Die Fachhochschule Köln erhielt Ende vergangenen Jahres einen Preis dafür, Gymnasiasten als Mentoren in Unternehmen zu schicken. Noch ein guter Grund mehr, zu den Schulen im Umkreis engen Kontakt aufzubauen, unabhängig von Betriebsgröße und Branche. Wer bereits Azubis oder Werkstudenten im Unternehmen hat, sollte also deren geballtes IT-Wissen nutzen.

Eine digitale Eingreiftruppe „Junger Wilder“

„handwerk magazin“ gibt auch den Tipp, aus dem Nachwuchs eine digitale Eingreiftruppe zu bilden. Die sollte sich um Fragen kümmern wie: Welche Trends können unser Geschäftsmodell gefährden? Wie können wir neue Kunden oder Nachwuchstalente via Web und Social Media für uns begeistern? Mit welcher App können wir am besten per Chat die Kommunikation untereinander, mit Kunden und Lieferanten abwickeln? Bei der Gelegenheit sollten die auserkorenen „Jungen Wilden“ unbedingt ein Projekt praktisch abwickeln, wie etwa die Gestaltung der Firmenwebsite binnen ein bis zwei Monaten. Das motiviert, und die jungen Leute haben später etwas vorzuweisen.

Der Unternehmer selbst muss sich ebenfalls ändern

Wer mit Reverse Coaching fit in IT werden will, muss sich aber verändern. Der Firmenchef sollte den IT-Fans etwa Zeit wie auch Hardware zum Experimentieren bereitstellen. Damit das ganze kein Selbstzweck wird, darf er natürlich nicht vergessen, vorher Lernthemen für sein Unternehmen festzulegen. Er sollte sich vorab also Gedanken machen, worum es ihm geht und was an Technik oder Technikwissen im Betrieb gebraucht wird – und seinen Plan im Lauf der Zeit den von den Jungen ins Feld geführten Erkenntnissen anpassen. Das Projekt „Junge Wilde“ wird so auch zum Kompetenzprogramm für den Chef. Der sollte spätestens jetzt lernen, Verantwortung abzugeben und nur richtungweisend konzeptionell einzugreifen, um die Experimentierfreude der jungen, mit digitaler Technik aufgewachsenen Mitarbeiter oder Mentoren zu nutzen.