Mitarbeiterbindung

So halten Chefs pflegenden Mitarbeitern den Rücken frei

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Viele Arbeitnehmer betreuen pflegebedürftige Angehörige. Das strengt an und belastet. Auch kleine Betriebe können ihre Beschäftigten hier unterstützen, erklärt Alfons Scheitz, Spezialist für Rundumbetreuung.

TRIALOG: Früher organisierten Sie nur Kinderbetreuung in Betrieben, jetzt agieren Sie als Rundum-Care-Service-Dienstleister für Unternehmen und deren Mitarbeiter. Entwickelt sich da gerade ein Markt für ganz neue Angebote – vor allem die sogenannte Elder Care, also die Betreuung von älteren Leuten?

ALFONS SCHEITZ: Mitarbeiter kommen manchmal auch in die Situation, dass ihre Eltern Unterstützung benötigen. Das Bewusstsein für die Bedeutung der Elder Care ist deutlich gewachsen – zumindest bei Konzernen. Anfragen von Unternehmen beziehen sich mittlerweile fast immer auf beides: Kinderbetreuung und Elder Care im Paket.

TRIALOG: Im Gegensatz zur Kinderbetreuung betrifft die Elder Care ja tatsächlich potenziell jeden Mitarbeiter, auch die kinderlosen – der Bedarf dürfte angesichts der Altersentwicklung in unserer Gesellschaft also deutlich wachsen. Nun ist Pflege teuer. Wie sollten kleine Unternehmen dabei helfen können?

ALFONS SCHEITZ: Die Mitarbeiter zu unterstützen, bedeutet in dieser Situation erst einmal, Faktenwissen zugänglich zu machen. Wird ein Elternteil pflegebedürftig, sind zuerst die immer gleichen Fragen zu klären – unter anderem zur Pflegestufe und zur Auswahl des passenden Anbieters sowie zu Versicherungen, möglichen Kostenübernahmen von Leistungen oder anderen Unterstützungsleistungen, etwa Pflegewohngeld. Es ist mit Aufwand verbunden, sich das als Laie zusammenzusuchen.

TRIALOG: Kleine Unternehmen sollten entsprechende Informationen parat halten …?

ALFONS SCHEITZ: Genau. Bei der Orientierung können Onlineratgeber helfen, Informationsdatenblätter, eine Link- oder Adressliste oder auch ein Newsletter für die Mitarbeiter. Fürs Erste ist die blanke Information das Wichtigste. Dann kommen aber schnell psychosoziale Fragen ins Spiel.

TRIALOG: Das reine Faktenwissen reicht also nicht …

ALFONS SCHEITZ: Es unterstützt und gibt erste Orientierung. Persönliche Beratung, zum Beispiel am Telefon, hilft allerdings oft besser. Ich habe das selbst erlebt. Als meine Mutter pflegebedürftig wurde, habe ich unseren Beratungsdienst angerufen. Der hat mir geholfen, die Fakten zu sortieren und aus den Möglichkeiten das Richtige zu wählen. Bei meinen Eltern war es wie bei vielen Menschen: Sie wollten im Alter gerne zu Hause bleiben und nicht ins Heim. Beratung kann klären, wie sich solche Wünsche unter den gegebenen Umständen erfüllen lassen. Eine telefonische Beratung kann Mitarbeiter auch nach längerer Pflege noch unterstützen, denn viele sind stark belastet. Da kann die Beratung helfen, einen Urlaub für die Pflegeperson zu organisieren. Für Mitarbeiter ist in jeder Situation hilfreich zu wissen: Es gibt da eine vom Arbeitgeber ausgesuchte Anlaufstelle, bei der ich rasch Dinge klären kann.

TRIALOG: Warum sollten Unternehmen das anbieten?

ALFONS SCHEITZ: Weil es auch ihnen etwas bringt, ähnlich wie bei der Kinderbetreuung: Die Mitarbeiter haben durch das Angebot deutlich weniger Stress. Sie fallen nicht so oft und nicht so lange aus. Das spart Kosten. Denken Sie an das Pflegezeitgesetz, das unabhängig von der Betriebsgröße gilt. Mitarbeiter können eine Höchstdauer von zehn Tagen für Betreuungsnotfälle ausschöpfen und erhalten durch das Angebot des Arbeitgebers zusätzliche Entlastung. Manchmal hilft es beispielsweise schon, wenn Mitarbeiter eine Stunde früher oder später arbeiten können. Im Idealfall verkürzt die Unterstützung auch eine längere Freistellung, die das Pflegezeitgesetz ja ebenfalls vorsieht: bis zu sechs Monate ermöglicht die Pflegezeit analog zur Elternzeit.

TRIALOG: Die Pflege selbst kann ein Betrieb nicht stemmen …

ALFONS SCHEITZ: Nein. Die übernehmen die Angehörigen oder Dienstleister. Großunternehmen haben hier sicher Vorteile – für sie können sich eigene spezialisierte Einrichtungen lohnen. Wie bei der Kinderbetreuung kann man aber auch Plätze zubuchen.

TRIALOG: Und was kann ein Kleinbetrieb in der Provinz mit seinen neun Mitarbeitern tun?

ALFONS SCHEITZ: Etwa für seine Mitarbeiter vorab klären, welche Einrichtungen und Dienstleister mit welchen Angeboten es für den Pflegefall im Umkreis gibt: Notfallbetreuung, Urlaubsbetreuung, Kurzzeitpflege in Heimen mit Ambulanz oder Tagescafé? Hier ein Netz aufgebaut zu haben, das bestenfalls rasch greift, ist ein großer Mehrwert – für den Mitarbeiter wie auch das Unternehmen und den Pflegebedürftigen. Das kostet nicht viel Geld – es muss halt nur bedacht und gemacht werden. Mehr muss es für kleine Unternehmen zunächst nicht sein.

Weil sich Pflegebedürftigkeit – anders als die Geburt eines Kindes – meist nicht vorher absehen lässt, lautet das Zauberwort sowieso „ereignisgesteuert“. Was der Mitarbeiter braucht, hängt sehr vom Einzelfall und der Situation ab und lässt sich schlecht planen. Aber mit der Vorarbeit hat der Unternehmer dafür gesorgt, dass Mitarbeiter schneller den Kopf wieder frei haben.

Vita:

Alfons Scheitz gründete 1994 Impuls Soziales Management in Kassel als Verein und GmbH & Co. KG sowie 2016 die Beratungsgesellschaft Fio Consult GmbH. Seit 2016 kooperiert Impuls Soziales Management innerhalb der Firmengruppe mit dem Experten für Pflegedienstleistungen, der Amiravita GmbH. Mit rund 850 Mitarbeitern betreibt Impuls Soziales Management 35 betriebliche und öffentliche Kinderbetreuungseinrichtungen und bietet diverse Dienstleistungen – vom Konzept über den Bau bis zum Betrieb von Einrichtungen, Ferien- und kurzfristige Betreuung sowie Beratung der Mitarbeiter.