Lebensmittelkennzeichnung

Tofukäse geht nicht, aber Sojaschnitzel schon?

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Laut Europäischem Gerichtshof (EuGH) dürfen Tofu- Klötze nicht Käse genannt werden. Wer Lebensmittel herstellt oder damit handelt, muss jetzt die Namen prüfen, um Abmahnungen zu vermeiden.

Ich habe das Urteil jetzt ein paar Tage verdaut, aber nachvollziehbar finde ich es immer noch nicht. Mit dem einleuchtenden Vergleich „Elektroautos dürfen Auto heißen, alkoholfreies Bier ist Bier, aber ein pflanzlicher Käse darf nicht Käse genannt werden?“ begründete der Tofu-Verteidiger vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), dass Käse aus Tofu sein kann. Die Richter ließen sich nicht beeindrucken: Rein pflanzliche Produkte dürfen nicht Käse heißen. Tofukäse oder Veggie-Cheese sind unzulässig. „Wie nennen wir unsere Tofuprodukte denn dann? Tofu-Klotz?“, lautet eine berechtigte Frage in einem Facebook-Post bei Deutschlandfunk Nova. Das Urteil sagt ganz klar: Rahm, Sahne, Butter, Käse, Joghurt – all das muss aus Milch hergestellt sein. Milch wiederum ist laut Verordnung ein Erzeugnis, das durch Melken gewonnen wird, nicht durch Ernten. Auf die Eutersekretion von Tieren kommt es an. „Die Verwendung klarstellender oder beschreibender Zusätze (…) hat keine Auswirkung auf das Verbot“, schließen die EuGH-Richter das letzte Schlupfloch. Ausnahmen gelten bestenfalls für traditionelle Produkte wie Mandelmilch.

Tofukäse geht nicht, aber Sojaschnitzel schon?

Viele kleinere Händler oder Handwerker, die ihr Profil durch Spezialitäten schärfen wollen, sollten jetzt schnellstens handeln – Käsefreunde ebenso wie Fleischfans. Wer Veggie-Burger, Sojaschnitzel und Tofuwürstchen anbietet oder sich gar als „veganer Metzger“ bezeichnet, muss mit seinem Anwalt klären, welche Bezeichnung künftig geht, damit er sich keine Abmahnung einfängt. Einerseits ist die dem Urteil zugrunde liegende EU-Richtlinie nach Ansicht der Richter nicht auf Fleischprodukte anwendbar – andere Richtlinien. Andererseits lassen sich Richtlinien natürlich ändern, und CSU-Landwirtschaftsminister Christian Schmidt will Bezeichnungen wie „vegane Wurst“ verbieten. Statt Currywurst müsste es mit einer neuen Richtlinie etwa bald Currystange heißen. „Oder vielleicht Vurst?“, lästert Deutschlandfunk Nova weiter und zitiert genüsslich @literaturschock bei Twitter: „Ich frage für eine Freundin: Welcher Tee ist in Teewurst? Grün, Kräuter, Früchte, Schwarz oder gar Roibusch? #verbrauchertäuschung“.

Viele etablierte Produkte tragen irreführende Namen

„Brüssel, wir haben ein Problem“, werden wohl demnächst Rechtsexperten wie Lobbyisten verstärkt in Richtung EuGH oder Gesetzgeber funken. Vor einiger Zeit konnten Sie hier lesen, dass die Anforderung an Bezeichnungen für Lebensmittel unter anderem ist, „wahr und belegbar“ zu sein. Mit Blick darauf ist durchaus ein guter Punkt, dass – wie die Satiresendung „extra3“ twittert – etwa „Bergbauernmilch“ gar nicht die Milch von Bergbauern sei, sondern Kuhmilch. Beim Hundekuchen dürfte mildernd zum Tragen kommen, dass es kein Lebensmittel für Menschen ist. Die Kinderschokolade ist zwar markenrechtlich nicht schützenswert, dürfte aber mittlerweile eingeführt genug sein, sodass kein Verbraucher auf die Idee käme, hier seien Kinder verarbeitet worden. Doch schon bei der Leberwurst wäre vorstellbar, noch mal am Namen nachzuarbeiten. Immerhin muss hier nur ein vergleichsweise geringer Prozentsatz Leber enthalten sein – und mir wäre noch kein Produkt aufgefallen, auf dem der Zusatz stand: „enthält so und so viel Prozent Leber“.

Eigene Wortschöpfungen mit dem Anwalt besprechen

Der Duden ist toleranter. Für ihn ist die Wurst „ein Nahrungsmittel aus zerkleinertem Fleisch und Gewürzen“, aber durchaus auch „etwas, was wie eine Wurst aussieht, die Form einer länglichen Rolle hat.“ Und den „milchigen Saft bestimmter Pflanzen“ lassen die obersten Sprachhüter als Milch durchgehen. Ganz so lässig ist die derzeitige Rechtsauslegung nicht. So geht nach Meinung der beim Bundesverband der Verbraucherzentralen für Lebensmittel zuständigen Verbraucherschützerin Sophie Herr die Bezeichnung „veganes Entenbrustfilet“ nicht in Ordnung, weil eine Tierart genannt wird. Während andererseits offensichtlich Soja-Rinderfilets mit dem Zusatz „100 Prozent pflanzlich“ zu gehen scheinen.

Fragen Sie also ruhig mal den Anwalt Ihres Vertrauens, welche Formulierung für Ihre nicht ganz präzise benannten Produkte künftig rechtskonform sein könnten.