Ausbildung

Bei der Wahl des Auszubildenden muss der Bauch mitentscheiden

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Bei der Lehrlingssuche vertraut SHK-Unternehmer Joachim Kreuz seinem Gefühl, statt sich von schlechten Noten abschrecken zu lassen. Bisher sind alle Azubis mit einem Gesellenbrief nach Hause gegangen.

kreuz-fachkraefte-abschluss-notenSeit einiger Zeit sehen wir im Herbst immer dieses Bild: Das Ausbildungsjahr läuft, aber viele Firmenchefs – vor allem im Handwerk – suchen händeringend nach Lehrlingen. Ehrlich gesagt: Mit den meisten habe ich kein Mitleid. Das Problem der fehlenden Auszubildenden ist aus meiner Sicht zum Großteil hausgemacht. So mancher Unternehmer legt in puncto Schulabschluss eine Arroganz an den Tag, die ich nicht verstehe. Bei der Bewerberauswahl sollte man als erfahrener Handwerker seinem Bauchgefühl vertrauen, statt auf Noten und Schulart zu starren. Da ich mich nicht allein auf Realschulen und Gymnasien konzentriere, finde ich den beruflichen Nachwuchs für meinen Betrieb in einem größeren Kandidatenpool. Haupt- beziehungsweise Mittelschüler können zu sehr guten Fachkräften werden, und selbst mancher Ausbildungsabbrecher hat Potenzial, wenn er richtig gefördert wird. Im Übrigen gehört es für mich zur sozialen Verantwortung des Handwerks, auch denen eine Chance zu geben, die durch das normale Schulsystem fallen oder an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt werden.

Nicht nur auf das Abschlusszeugnis schauen

Bei mir melden sich manchmal Personalentwickler und Berater, die mir ausgeklügelte Tests für die Bewerberauswahl nahelegen. So etwas brauche ich nicht. Ich vertraue meiner Menschenkenntnis. Natürlich macht mich ein Bewerber mit Vieren und Fünfen in Mathe und Physik nachdenklich. Vielleicht hat er mit Technik doch nicht so viel am Hut und wäre im sozialen oder künstlerischen Bereich besser aufgehoben. Aber selbst von ihm lasse ich mir ältere Zeugnisse geben. Oft zeigt sich hier, dass er erst in den letzten zwei Jahren nachgelassen hat – er hatte keinen Bock mehr auf Schule. Das ist bei Jugendlichen ein Teil ihrer Entwicklung und sagt nichts über Charakter oder Talent aus. Gerade den Jungs fehlt in diesem Alter die Reife. Deshalb stört es mich auch nicht, wenn mir ein Bewerber partout nicht in die Augen sehen will. Spüre ich Potenzial, stelle ich ihn ein und freue mich, wenn er sich hier im Betrieb zu einem verantwortungsvollen Menschen entwickelt. Derzeit bilden wir sogar einen Azubi aus, der erst noch seinen Hauptschulabschluss machen wird. Dazu war eine Sondervereinbarung mit der Innung notwendig. Aber ich bin überzeugt, dass er das schaffen wird.

Vita:

Joachim Kreuz ist Chef der bad & heizung Kreuz GmbH in Schallstadt. Er ist Handwerksmeister, Ehrenobermeister der SHK-Innung Freiburg Müllheim Hochschwarzwald und setzt sich dafür ein, dass die Handwerksorganisationen ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen.