Bürokratie

Dem Regulierungswahn mit Geduld und Augenmaß begegnen

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Viele Firmenchefs ärgert die staatliche Regulierungswut. Claus Böbel hat eine einfache Strategie, damit fertigzuwerden. Der Metzgermeister betrachtet es als sein unternehmerisches Risiko, im Einzelfall zu entscheiden, welche Vorschrift er mit wie viel Elan umsetzt.

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Besonders uns Kleinunternehmer kostet die Bürokratie in Deutschland mitunter viel Arbeit, Geld und Nerven. Ich entscheide daher im Einzelfall, was für meinen Betrieb tatsächlich wichtig ist und unbedingt umgesetzt werden muss. Mitunter belasse ich es im Sinne des unternehmerischen Risikos beim Notwendigsten und warte ab, ob sich jemand daran stört. Mir ist klar, dass ich absolute Rechtssicherheit nie erreichen kann. Momentan beschäftige ich mich mit der Frage, wie ich die Lebensmittelinformationsverordnung am besten umsetze. Sie ist für alle EU-Mitgliedstaaten verbindlich. Bis zum Ende des Jahres muss ich für meine Produkte den Kaloriengehalt sowie die Menge an Fett, gesättigten Fettsäuren, Kohlehydraten, Zucker, Eiweiß und Salz angeben, die in jeweils 100 Gramm oder 100 Millilitern steckt. Das alles gehört in einer übersichtlichen Tabelle und in einer bestimmten Schriftgröße auf die Verpackung.

Vertrauen müssen Unternehmer sich verdienen

Ich verstehe natürlich, dass die Menschen wissen wollen, was sie zwischen die Zähne bekommen. Besonders, weil es in der Lebensmittelbranche immer wieder schwarze Schafe gibt, die die Verbraucher verunsichern, wie zuletzt beim Pferdefleischskandal. Und ich weiß, dass ein Rechtsstaat klare Regeln braucht, um die Verbraucher zu schützen. Ich selbst enthalte den Interessenten keine Informationen vor. Im Gegenteil: Meine Kunden bleiben mir treu, weil sie auf die Qualität meiner Produkte vertrauen. Jeder kann mich jederzeit ansprechen, persönlich oder per Mail.

Wenn man schon informieren muss, dann richtig

Aber die Sache mit den Regeln sollte Grenzen haben. Häufig treffen die Vorschriften gerade Kleinunternehmer wie mich, die schon aus Überzeugung ehrlich und umfassend informieren, besonders hart. Ich denke kundenorientiert, also ist mein Qualitätsanspruch hoch und meine Produktpalette breit gefächert. Dadurch wiederum ist es für mich ein hoher Aufwand, die Nährstoffe zu erfassen und aufzulisten. Meine Produktionsmengen dagegen sind geringer als jene der Wettbewerber, zum Beispiel aus der Lebensmittelindustrie. Die holen bei gleichem Arbeitsaufwand das Vielfache an Umsatz rein. Trotzdem habe ich mich in diesem Fall entschieden, die neuen Regeln nicht nur zu erfüllen, sondern über die gesetzlichen Vorgaben hinauszugehen. Dafür investiere ich rund 2.000 Euro in eine gute Software. Ich informiere künftig nicht nur über den Kaloriengehalt sowie die geforderten sechs Hauptwerte, sondern werde auch Hinweise zu Vitaminen, Ballaststoffen und anderem geben.

Jede Verordnung bedeutet enormen Arbeitsaufwand

Für mich ist das eine Abwägung: Wenn ich schon gesetzlich verpflichtet bin, den Aufwand für die Deklaration von Inhaltsstoffen zu betreiben, dann mache ich es gleich richtig und nutze das Internet als Plattform zum Verbreiten von Informationen. In diesem Fall lohnt sich für mich der erhöhe Zeit- und Kostenaufwand, da ich einen Wettbewerbs- und Imagevorteil gegenüber den Unternehmen bekommen kann, die nur die Minimalanforderungen erfüllen – und steigere weiter meine Glaubwürdigkeit beim Kunden. Dann hebt sich mein Online-Shop einmal mehr von der Masse ab.

So entscheide ich aber nicht immer. Die AGB für meinen Online-Shop etwa habe ich nach dem Vorbild anderer Seiten gestaltet, mit so wenig Aufwand wie möglich. Ohne individuell auf jeden Aspekt meines Geschäfts einzugehen. Natürlich könnte ich alles daraufhin überprüfen lassen, ob es zu 100 Prozent rechtssicher ist. Dummerweise kommen gerade in diesem Bereich alle paar Monate neue Vorschriften oder Rechtsauslegungen, und ich habe weder das Geld noch die Zeit, um im selben Rhythmus alles überarbeiten zu lassen. In diesem Fall habe ich mich entschieden, ein gewisses Risiko einzugehen. Denn ich bin überzeugt: 97 Prozent meiner Kunden interessieren die AGB überhaupt nicht. Beschwert sich jemand wegen der Ware, der Auslieferung oder etwas anderem, bin ich grundsätzlich kulant. Egal, ob es um Online-Handel oder traditionellen Handel geht – letztlich zählt das Vertrauen. Dafür brauche ich mehr gesunden Menschenverstand und nicht immer noch mehr Gesetze und Vorschriften.

Vita:

Claus Böbel leitet die Metzgerei Böbel im fränkischen Rittersbach. Seit 2007 ist er erfolgreich im Online-Handel tätig.

Foto: Shutterstock