Zwischenruf: „Selbstbewusst voran“

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Für Frauen, die ein Unternehmen aus der Taufe heben, gelten keine anderen Gesetze als für männliche Existenzgründer. Wie die Professorin für Unternehmensgründung Christine Volkmann weiß, sind für Frauen aber zusätzliche Faktoren von Bedeutung. Von denen sollte sich niemand behindern lassen.

Startet eine Frau ein Unternehmen, entscheiden natürlich dieselben Faktoren über Erfolg und Misserfolg wie bei einer Gründung durch einen Mann. Beide müssen ihren Markt kennen, den Personal- und Kapitalbedarf richtig einschätzen und einen ausgereiften Businessplan erarbeiten. Rein ökonomisch gelten exakt die gleichen Gesetze und Regeln. Natürlich sollten sie auch Rat zu Steuer-, Rechts-, Versicherungs- und Finanzierungsfragen bei Experten wie dem Steuerberater oder sonstigen Fachleuten einholen. Interessant wird es jedoch, wenn Sie sich das Thema Existenzgründerinnen interdisziplinär anschauen: mit Blick auf die gesellschaftliche Ebene und die Frage der Vorbildfunktion. Dann zeigen sich individuelle sowie gesellschaftliche Beeinträchtigungen weiblicher Gründungstätigkeit. Anders als die rein ökonomischen Erfolgsfaktoren liegen diese Faktoren nur sehr begrenzt in der Hand der Gründerinnen selbst.

Gründerinnen sind weniger sichtbar

Wird über Gründerinnen berichtet, dann oft nicht nur über das Unternehmen, die Chefin, die Chancen oder die Konkurrenzsituation am Markt. Häufig wird das soziale Drumherum thematisiert, oft sogar als eines der wichtigsten Details: Da hat die Frau ihr Unternehmen gegründet, weil ihr das mehr Zeit für die Familie mit Kindern ließ als der zuvor ausgeübte Vollzeitjob. Anders als bei Gründern wird in solchen Berichten das Unternehmen selbst fast zur Sekundäraufgabe. Und werden Gründerinnen generell betrachtet, dann meist defizitorientiert: Es wird festgestellt, dass sie weniger wachsen und weniger Kapital einsetzen, statt zu schauen, was sie stattdessen mitbringen.

Ansonsten führen Gründerinnen ein Schattendasein. Das zeigen Forschungsprojekte wie Exichem, ein Verbundprojekt zu Gründerinnen in der Chemiebranche. Dort ist die Gründungsquote zwar insgesamt geringer als im Bundesdurchschnitt, dabei gibt es aber fast genauso viele weibliche wie männliche Gründer. Und die Frauen sind bei Umsatz und Gewinn fast genauso erfolgreich wie die männlichen Gründer. Dass sie nicht sichtbar sind, ist ein interessantes Phänomen.

Männer wie Frauen müssen ermutigt werden

Medien und Wissenschaft sollten die Unternehmensgründung durch Frauen einfach selbstverständlich hinnehmen – und nicht ständig hinterfragen. In meiner Jugend gingen die Leute mit Blick auf den Beruf selbstverständlich davon aus, eine Frau bekomme sowieso Kinder und sei dann außen vor. Da hat sich schon viel geändert, aber es muss sich noch mehr ändern. Selbstverständlichkeit hilft da am meisten. Die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, ist dann Sache der Politik.

Gründerinnen selbst haben diese nicht-ökonomischen Faktoren nicht oder nur sehr begrenzt in ihrer Hand. Sie müssen vor allem zusehen, dass sie mit diesen Faktoren bestmöglich umgehen. Denn es hat einige negative Effekte, dass Gründerinnen nicht selbstverständlich hingenommen werden. Obwohl es erfolgreiche Unternehmerinnen gibt, haben sie selten Vorbilder. So werden sie subtil entmutigt und verlieren das, was Psychologen Self-Efficacy nennen: das Gefühl von Selbstwirksamkeit, also die positive persönliche Beurteilung der eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen in einer konkreten Situation – hier bei der Gründung. Die Folgen für Deutschland lassen sich im Global Entrepreneurship Monitor (GEM) 2011 ablesen: Bei gleicher Qualifikation trauen sich Frauen die Gründung weniger zu. Und das wiederum ist nicht nur für die betroffenen Frauen schlecht, sondern auch für ihre Familien und letztlich die gesamte Gesellschaft. Wir brauchen mehr Gründungen. Wir müssen Männer und Frauen zur Existenzgründung ermutigen.

Netzwerke sind sehr wichtig

Frauen, die ein Unternehmen gründen wollen, rate ich: „Immer positiv voran!“ Sie sollen sich nicht von den fortwährenden Zuschreibungen von Defiziten beirren lassen, sondern sich auf das besinnen, was sie können und wollen. Sie sollen an sich glauben, das ist für sie wichtig – gerade mit Blick auf das psychologisch bedeutsame Gefühl von Selbstwirksamkeit. Außerdem ist es für sie von grundlegender Bedeutung, ein skalierbares Geschäftsmodell zu entwickeln und ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen.

 

Vita:

Christine Volkmann ist Professorin für Unternehmensgründung und Wirtschaftsentwicklung an der Bergischen Universität Wuppertal. Als UNESCO-Lehrstuhlinhaberin legt Volkmann ihr Augenmerk auf ethische Fragen, Werte und Nachhaltigkeit. Auf der Gründerwoche Deutschland der Handelshochschule Leipzig (HHL) vom 12. bis 18. November 2012 hat sie über das Thema „Unternehmerinnen und Erfolg?“ referiert.

Foto: Gettyimages