Ein bisschen Langeweile tut Ihnen mal gut

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Ihnen ist langweilig? Gelegentlich ist das ganz gut so. Dieser Zustand ist zu Unrecht verrufen. Er ist nicht nur menschlich, sondern auch produktiv und gesund. Plädoyer für ein unterbewertetes Gefühl.

Wir sollten uns alle gelegentlich langweilen. Auf manche Dinge kommt man einfach nur, wenn einem langweilig ist. Das sehe ich schon bei meinen Kindern.

Mein Sohn kennt mit seinen knapp drei Jahren offenbar keine Langeweile. Irgendetwas macht er immer, oder er schaut oder hört bei etwas gebannt zu. Aber bei meiner Tochter – sie ist acht Jahre alt – beobachte ich diesen Zustand seit einiger Zeit manchmal. Dann legt, setzt oder stellt sie sich abwechselnd hin, stöhnt vielleicht und fragt, wann die Sendung mit der Maus kommt, wann Papa kommt, wann wir endlich rausgehen. Manchmal klagt sie, ihr sei langweilig. Gelegentlich mache ich ihr dann einen Vorschlag. Aber meist schaue ich einfach, was passiert. Und mit ein bisschen Glück fällt ihr plötzlich etwas ein. Dann geht sie ans Fenster und bläst ein paar Seifenblasen hinaus, setzt sich hin und malt, macht Hausaufgaben oder schnappt sich ein Buch.

Langeweile bringt Lernen und Entwicklung voran

Das ist der große Vorteil der Langeweile. Wir werden aktiv. Genau das, was der Mensch zum Lernen braucht. Deshalb ist Langeweile bei Kindern und Jugendlichen etwas ganz Normales: Ihr Gehirn entwickelt sich noch und hungert nach Anregung. Langeweile entspannt, und das ist wichtig, denn Lernen funktioniert assoziativ: Eine Struktur im Gehirn entdeckt, dass zwei Dinge gleichzeitig passieren, bringt sie zusammen, und dann ist da etwas Neues, erklärt der Düsseldorfer Neurobiologe Professor Helmut Haas im WDR-Radio. Millionen von Nervenzellen schalten sich kurz, verbinden sich immer wieder neu und bauen das Gehirn so offenbar ständig um. Für Kinder und Jugendliche ist Langeweile daher völlig normal. Egal, wie viel sie in ihrer Freizeit unternehmen – aktive Kinder sind ebenso oft gelangweilt wie Stubenhocker, ergab eine Studie des Deutschen Jugendinstituts in München, einem Bericht von Der Westen zufolge.

Wir Erwachsenen müssen uns weniger oft langweilen, um zu lernen und uns zu entwickeln. Für uns ist Langeweile dafür aber ein brauchbarer Indikator, ob wir noch bei der Sache sind. Macht sich Langeweile breit, ist das ein guter Anlass, Dinge zu hinterfragen und zu ändern – im Leben wie im Unternehmen. Vielleicht fangen Sie ja wieder an, Gitarre zu spielen? Oder erfinden ein neues Angebot oder eine Dienstleistung, an der Sie mit mehr Elan arbeiten?

Man könnte es auch „Ausspannen“ nennen

Und ansonsten tut dosierte Langeweile einfach gut. Man könnte es auch „Ausspannen“ nennen. Wenn Sie also das nächste Mal im Zug sitzen oder zu Hause oder im Büro mal eine Viertelstunde Luft haben, schauen Sie aus dem Fenster. Gehen Sie nicht ins Internet, telefonieren Sie nicht wild in der Gegend herum, nur um etwas zu tun. Machen Sie es einfach mal wie Loriot in seinem Feierabend-Sketch. Sitzen Sie einfach nur da. Manchmal kommen einem dabei die besten Ideen.

Foto: Plainpicture