Freiberufler müssen sich auf ihre Werte besinnen

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Einerseits sind die freien Berufe ein Erfolgsmodell. Andererseits stehen sie durch veränderte Rahmenbedingungen unter Druck und müssen ihre Position verteidigen. Die Berufsträger und ihre Verbände sollten versuchen, ihre Zukunft selbst zu gestalten. Etwa durch die Rückbesinnung auf die berufseigenen Werte.

Die wachsende Nachfrage nach hoch qualifizierten Vertrauensdienstleistungen begünstigt das Entstehen neuer Aufgabengebiete und Berufsbilder vor allem in den freien Berufen, also beispielsweise in Gesundheitsdienstleistungen, Umweltschutz, Beratung und Bildung, Information und Kommunikation. Bereits 2009 belief sich der Anteil der freien Berufe am Bruttoinlandsprodukt auf 10,1 Prozent, das sind knapp 140 Milliarden Euro. Tendenz steigend. Doch nach wie vor bestimmen die klassischen, angestammten freien Berufe das Bild, etwa der Ärzte, Steuerberater oder Rechtsanwälte. Das spiegelt sich in einer unserer Studien vom Institut für freie Berufe der Universität Erlangen-Nürnberg (IFB) wider, in der wir gut 2.000 Angehörige vor allem verkammerter freier Berufe sowie Verbraucher zu Selbst- und Fremdbild der freien Berufe befragt haben.

Sinkende Entscheidungsfreiheit ist ein Problem

Die Studie hat interessante Ergebnisse zum Thema Werte erbracht. Sie bestätigt die drei traditionellen Kernwerte der freien Berufe: Qualitätsorientierung, Schutz des Vertrauensverhältnisses sowie Eigenverantwortlichkeit und Selbstverwaltung. Die zunehmende Veränderung der Wettbewerbsparameter sowie der rechtlichen Grundlagen freiberuflicher Dienstleistungen bringt aber neue Herausforderungen: Den Berufsangehörigen ist nicht immer bewusst, dass sie im Alltag besondere Werte verkörpern und in einem besonderen Vertrauensverhältnis arbeiten. Sie strahlen es nicht mehr immer aus. Sie haben auch Schwierigkeiten, neben der organisatorischen ihre individuelle fachliche Kompetenz zur Geltung zu bringen.

Darüber hinaus sehen die freien Berufe sich einer „Industrialisierung“ und entsprechenden Verdichtung ihrer Arbeit ausgesetzt, die aus Kostengründen von der Gesellschaft, aber auch von Investoren vorangetrieben wird. Immer größere Einheiten sollen immer mehr Spezialisierungen und immer mehr Personen miteinander verbinden. Dieses Gesamtverantwortungsgefühl höhlt auf Dauer die Berufsträger aus.

Fehler von Freiberuflern sind meist folgenschwer

Vor allem im Gesundheitssystem ist die mit ausgeprägtem Kostensenkungsdruck einhergehende Abnahme der Entscheidungsfreiheit der Ärzte problematisch. Sie wird auch durch die vom Gesetzgeber veranlasste Rationierung ärztlicher und vertragsärztlicher Versorgung deutlich beschnitten, etwa durch das Sozialgesetzbuch V (§ 84 Abs. 6 SGB V). So gaben in einer Studie 77 Prozent der befragten Krankenhausärzte an, einmal pro Woche auf medizinisch nützliche Leistungen zu verzichten oder diese durch preiswertere zu ersetzen. Und werden die Vergütungssätze für medizinische Leistungen verändert, steigen oft unerwartet die Behandlungsziffern bei einem anderen Krankheitsbild.

Die Berufsangehörigen und ihre Verbände müssen sich vor diesem Hintergrund wieder intensiver die Frage nach ihren Werten stellen. Zum einen wegen ihrer besonderen Vertrauensposition. Machen sie einen Fehler, wirken sich die Folgen meist gleich auf Leben, Gesundheit oder Vermögen ihrer Mandanten, Klienten oder Patienten aus. Die Besinnung auf Werte trägt dem Rechnung. Zum anderen sichert die Besinnung auf Werte das Ansehen des jeweiligen Berufsstandes als Ganzes – und damit das für die Arbeit überhaupt nötige Vertrauen, ohne das es nicht geht.

Berufsethik und Selbstverpflichtung sind wichtig

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber ein guter Ansatz könnte darin bestehen, dass Berufsträger selbst nach innen bessere und tiefer gehende Kommunikationsstrukturen aufbauen. Sie sollten – am besten bereits an den Universitäten – bei den jungen Berufsangehörigen für ihre Werte werben und daneben auch immer wieder den gestandenen Berufsangehörigen in Erinnerung rufen, was ihre Grundwerte sind, wofür sie stehen, was ihre Existenzgrundlage im Wettbewerb mit gewerblichen Strukturen ausmacht.

Auf die Ärzteschaft übertragen: Nur wenn sich diese wieder auf ihre traditionelle und bewährte Berufsethik stützt und ihre Selbstverpflichtung auf sie erneuert, kann sie Gesellschaft und Gesetzgeber zu einem Umdenken motivieren.

Foto: Gettyimages/Image Source